Blog der IG Ententeich Wolfenbüttel

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Erklär mir was (1)

Was ist Kapitalismus?

Stellen wir uns mal eine Zeit vor, in der es noch keine Waschmaschinen gab. Menschen schleppten mühselig schwere Wäschekörbe zum nächsten Fluß und rieben sich an Waschbrettern die Finger blutig und die Wäsche kaputt. Eine elende Plackerei war das. Irgendwann erfand jemand die Waschmaschine und diese Arbeit fiel glücklicherweise für viele Menschen weg.  Es wäre eine komische Vorstellung,  dass heutzutage jemand hier am Fluß sitzt und seine Wäsche wäscht.

Spinnen wir diese Idee jetzt mal ganz phantastisch weiter und stellen uns vor, jemand erfände eine Maschine, eine Art Zauberkasten, der den Menschen jegliche Arbeit abnimmt. Nur nicht die, diesen Zauberkasten herzustellen. Es bleibt also eine sehr überschaubare Menge an Arbeitseinsatz erforderlich, um die Bedürfnisse aller Menschen zu befriedigen. Das ist für so eine Geschichte schön einfach. Dieser Arbeitseinsatz würde auf alle verteilt werden, was am Anfang mehr Arbeit bedeutete, damit jedem erst mal so ein Zauberkasten zur Verfügung gestellt wird. Jedem muss zum Beispiel beigebracht werden, wie man den Zauberkasten baut. Danach produzieren die Menschen eben nach Bedarf. Geht ein Zabuberkasten kaputt oder wird ein neuer Mensch geboren, für den noch keiner da ist… wird eben einer gebaut. Nach einer Weile heisst das für alle sehr wenig Arbeit, sehr viel Freizeit und keine Sorgen darüber,  was am nächsten Tag so ist. So ginge es wohl, aber das wäre kein Kapitalismus.  Schauen wir uns mal an, wie das mit dem Zauberkasten im Kapitalismus so laufen würde.

Zuerst mal wird dieser Zauberkasten im Kapitalismus in hundert verschiedenen Farben und Formen hergestellt, was natürlich unsinnig ist. Und es werden wesentlich mehr Zauberkästen produziert, als es Menschen gibt. Das hat zur Folge, dass die Menschen natürlich mehr arbeiten, als sie eigentlich müssen.  Und wenn jemand fragt, wieso das so ist, bekommt er zum Beispiel als Antwort , dass die Leute eben den Zauberkasten jetzt in einer anderen Farb-Form-Kombination wollen, also müssen wir ihn auch bauen. Riesige Gelände stehen voller Zauberkästen. Anstatt diese riesige Menge an Zauberkästen jedoch erst mal an alle Menschen auf der Welt zu verteilen, gibt es stattdessen Menschen auf der Welt, die gar keinen Zauberkasten haben und Menschen, die 100 davon haben. Keiner braucht 100 davon, einer alleine nimmt einem ja schon jegliche Arbeit ab. Meist entscheiden diejenigen, die mehr als einen Zauberkasten haben darüber, wer überhaupt einen haben darf und wer nicht.

Wenn jetzt Kalle Zauberkastenbauer  deshalb sagt „Hallo, ist das nicht unsinnig und unfair?“, bekommt er als Antwort, das sei eben so und der Zauberkastenmarkt hat seine eigenen Gesetze, die Kalle nicht versteht, er sei ja „nur“ ein Zauberkastenbauer. Und es wird auch nicht jedem gezeigt, wie man Zauberkästen baut, egal wie einfach das ist. Und es bauen auch nicht alle Menschen jeweils ein paar Zauberkästen, sondern irgendjemand entscheidet „Kalle, du baust jetzt 10 Stunden am Tag Zauberkästen, bis du umfällst!“ und auf der anderen Seite sagt er „Oh, hallo Didi Zauberkastenbauer! Das tut mir wirklich leid. Du kannst leider keine Zauberkästen bauen, wir haben schon den Kalle.“ Und wenn jetzt der Kalle sagt, dass das alles ziemlich blöde sei, es wäre ja sinnvoller, wenn doch alle einfach nur ein paar bauen und er sich deshalb einfach weigert, jeden Tag 10 Stunden Zauberkästen zu bauen, während Didi sich langweilt und auch gerne mal Zauberkästen bauen würde… dann ist der Kalle ein faules Schwein, darf GAR KEINE Zauberkästen mehr bauen und muss seinen eigenen dazu noch abgeben. Stattdessen wird jetzt Didi gesagt: „So Didi, du kannst jetzt Zauberkästen bauen. Du musst das aber 20 Stunden am Tag machen!“ Und der Didi freut sich, endlich auch Zauberkästen bauen zu dürfen. Dafür wird am Tisch neben ihm zusätzlich zum Kalle auch noch die Suse Zauberkastenbauer nach Hause geschickt, denn Didi arbeitet ja für zwei reguläre Zauberkastenbauer (eigentlich vermutlich für 10).

Da der Kalle jetzt zu denen gehört, die keinen Zauberkasten mehr haben, muß er natürlich wieder eine andere Arbeit machen. Zum Beispiel in einem sogenannten Call-Center, wo er den ganzen Tag Zauberkastenbesitzer anruft und sie fragt, ob sie nicht lieber ein Modell in einer anderen Farbe haben wollen, oder -der letzte Schrei!- eins, das nach Hibiskusblüten duftet.  Oder er klebt Werbeplakate vom neusten Zauberkastenmodell in der Stadt auf. Oder er putzt die Zauberkästen anderer Leute.  Oder er erzählt Leuten, die ganz dolle traurig sind, weil sie auch keinen Zauberkasten haben dürfen, dass alles wieder gut wird, wenn sie sich ein wenig mehr anstrengen. Oder er hilft Leuten dabei, ganz komplizierte Formulare auszufüllen, in denen sie andere Leute bitten, ihnen einen Zauberkasten, oder wenigstens eine Arbeit in einem der genannten Berufe  zu geben.

Und wenn sich irgendwann ganz doll viel zu viele Zauberkästen irgendwo stapeln, dann wird dem Kalle gesagt, er soll die mit einem großen Hammer kaputt hauen. Aber nehmen darf er sich keinen. Am anderen Ende der Zauberkastenfabrik wird dem Didi im gleichen Moment gesagt, er müsse heute Überstunden machen.

So ungefähr geht das mit dem Kapitalismus.

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Dieses erste Kapitel der eigens neu eingerichteten „Erklär-mir-was-Ecke“ ist ein  Text  von einem ehemaligen Redaktionsmitglied, welches ihn irgendwann in einer langen Nacht in der Opiumhöhle formulierte und ihn danach zuhause unter Tonnen von Erwachsenenwindeln, Müll und Altglas vergas, bis wir bei der gesundheitsamtlich angeordneten Aufräumaktion darauf stießen und erfolgreich um das Recht zurVeröffentlichung baten.

November 15, 2009 - Verfasst von ig4ententeich | Erklär mir was | , , , , , | 1 Kommentar

1 Kommentar »

  1. Und in welcher Gesellschaftsform würde es besser laufen? In einer Diktatur würde der Diktator 100.000 Zauberkästen haben und 100.000 weitere an seine engsten Vertrauten verteilen. Alle anderen hätten 0. In einem Regime das gleiche. Im Kommunismus ähnlich, nur dass jedem Menschen 0,001 Zauberkästen zugeteilt würden, allerdings dürften sie in ihrer Zeit am Zauberkasten nicht frei wählen, was zu tun ist, sondern müssten aus einer Liste möglicher Wünsche/Arbeitserleichterungen auswählen.

    IG-Ententeich sagt: Bemerkenswert, dass Sie den Kapitalismus offensichtlich schon so verinnerlicht haben, dass Sie ihn als „Gesellschaftsform“ und nicht als „Wirtschaftssystem“ ansehen. Und so geht das ganze intellektuell übersichtlich weiter: Diktatoren sind diejenigen, die mit ihren Spießgesellen ALLES haben, während „Heinrich Normalbürger“ nix abbekommt (was eigentlich eher als feudalistisch zu bezeichnen wäre), woraus dann ja in guter Heinrich-Logik der Schluss zu ziehen ist, dass z.B. das 3. Reich keine „Diktatur“ war, denn dort wurden ja Dinge wie „Volkswagen“, „Volksempfänger“ etc. eingeführt.
    Und als Schirmchen auf Ihrem bunten Gedankencoktail werden dann eben mal wieder Sozialismus, Kommunismus und die Wirtschaftssysteme einiger Narrenstaaten verwechselt, nur weil diese eben eine ganz spezielle Vorstellung von solchen Begriffen hatten, nämlich durchaus diktatorische.
    Wir lernen also: Was dem Heinrich nicht einfällt, weil er etwas beschränkter im Horizont seiner Phantasie ist, dass gibt es nicht, ergo KANN es auch niemals funktionieren. So tickt die Logik-Bombe unter seinem Scheitel weiter, bis…

    …er sich in einem ganz anderen „Gesellschaftssystem“ wiederfindet. Dort baut er dann weiter glücklich und zufrieden denganzen Tag Zauberkästen mit seinen Freunden. Und die werden dann auf dem monatlichen Flohmarkt seiner Irrenanstalt verkauft….

    Kommentar von Heinrich | Dezember 12, 2009 | Antworten


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